Warum die meisten Psychiater keine Traeume deuten

Ξ 12. Mai 2010

Die Traumdeutung ist so alt wie die Menschheit selbst. Schon immer wollten Menschen ihre Traeume deuten lassen. Doch die Vermutung, dass Psychoanalytiker auf die Traeume ihrer Patienten achten, ist überholt.

Der Erfinder der Pychoanalyse hat noch sehr großen Wert auf die Traumdeutung gelegt. Er sah in den Traeumen einen Hilferuf des Unterbewussten. Wünsche und Bedürfnisse, die uns im wachen Zustand nie bewusst werden, weil unsere Erziehung uns diese Wünsche verbietet, kommen in den Traeumen zum Vorschein. Nach dieser frühen Form der Psychoanalyse kann man Traeume deuten, als Ventil der Psyche, mit dem Druck abgebaut werden soll. Wer seine Bedürfnisse zu lange unterdrückt, kann psychische Schäden davontragen, die sich in körperlichen und seelischen Krankheiten manifestieren können. Indem man die Traumbedeutungen bewusst macht, kann man die Krankheiten heilen.

Der Wiener, der die Psychoanalyse entwickelt hat, lebte allerdings in einer Zeit, als die Erziehung noch wesentlich größeren Einfluss auf die Psyche der Menschen hatte. In Zeiten der absoluten Freiheit hätten nach seiner Theorie die Traeume vollständig enden müssen. Inzwischen ist allerdings bekannt, dass das Traeumen eine andere Bedeutung für den Menschen hat. Die so genannte REM-Phase, die Schlafphase, in der die meisten Traeume auftreten, ist eine wichtige Entspannungsphase für das Gehirn. Die Neuronen sind in dieser Phase sehr aktiv, aber nahezu ungesteuert. Dass für den Menschen daraus ein Traum entsteht, der eine Geschichte erzählt, liegt weniger an der aktiven Phase selbst, als daran, dass wir uns im wachen Zustand an die Aktivität erinnern, und versuchen diese zu interpretieren. Oft sind die Traumsequenzen, an die man sich erinnert wesentlich länger, als die Traumphase selbst gedauert hat. Ein Traum kann also Erinnerungen auf sehr merkwürdige Weise miteinander verknüpfen, doch eine Bedeutung hat er nicht.

Dennoch ist das Traeume deuten zu einer beliebten esoterischen Spielerei geworden. Zwar verraten die Traeume selbst nichts über unsere Psyche, doch die Deutung kann einem den Weg zu den innersten Wünschen ebnen. Nicht, was ich traeume, verrät mir also etwas über mich, sondern wie ich den Traum deute. Den richtigen Schlüssel kann man daher immer nur selbst finden. Nicht jedes Bild bedeutet für jeden dasselbe. Je freier man sich an die Interpretation macht, desto mehr kann sie verraten.